Saturday, July 3, 2010

Esther Roelz - Sandwichklappen Rattenklatschen

Rühmann und Thomas Mann lassen grüßen


Aachen. «Die Mischung macht's» - nach dieser Devise arbeitet das Aachener Grenzlandtheater seit Jahrzehnten erfolgreich, mixt Klassiker mit feuchtfrischen Stücken und lässt Witz und Humor auf Melancholie und kritschen Tiefgang munter folgen. Intendant Uwe Brandt setzt auch mit dem Spielplan seiner zweiten Saison dieses altbewährte Rezept fort. Am Montag stellten er und Dramaturgin Anja Junski die Stückfolge für 2010/2011 der Presse vor.

Das Segment «Klassiker» ist gleich zweimal vertreten - als wohlüberlegte Umsetzung einer wesentlichen Erfahrung der laufenden Spielzeit: «Klassiker spielen in diesem Haus eine wichtige Rolle» resümiert Brand nach seinem ersten Jahr mit Blick auf Schillers «Maria Stuart», denn die war beim Publikum ein ausgesprochener Renner. So bildet ab Mitte August nun Thomas Manns Saga «Buddenbrooks» den Auftakt, in der Bühnenfassung von John von Düffel - für den Intendanten ein «hochaktueller» Stoff - immerhin geht es um nichts Geringeres als den Versuch einer Familie, mit all den Widersprüchen, die ihr die Welt bietet, zu überleben.

Bis in philosophische Dimensionen und Probleme treibt Henrik Ibsen seine Familiengeschichte in «Die Wildente» voran, dem zweiten Klassiker der Saison. Und provoziert womöglich auch den heutigen Zeitgenossen mit der Erkenntnis, dass die Wahrheit um jeden Preis keineswegs immer einer - wenn auch politisch inkorrekten - Lebenslüsge vorzuziehen ist. Die Inszenierung besorgt Anja Junski, die bereits an einem inspirierenden Ort in Aachen die Strichfassung des Stücks begonnen hat - am Hangeweiher.

Romanze per E-Mail

Die überaus zeitgemäße Form der Kommunikation spielt im zweiten Stück ab Ende September eine zentrale Rolle: Emmi und Leo - keiner kennt das Gesicht des Anderen - begegnen sich per E-Mail, und bis sich sich in Fleisch und Blut gegenüberstehen, vergehen eine ganze Menge aufregender Momente. «Gut gegen Nordwind» heißt dieses Schauspiel von Daniel Glattauer.

Die schulische Szene beherrst Lutz Hübners «Frau Müller muss weg». Da bilden plötzlich militante Eltern eine konspirative Vereinigung gegen die Klassenlehrerin und meinen auch noch, ganz zum Wohle ihrer Gören zu handeln. Doch sie haben die Rechnung nicht mit Frau Müller gemacht...

«Ein Freund, ein guter Freund» - bei dieser Melodie soll nach dem erklärten Willen von Uwe Brandt und Anja Junski nicht nur das Herz von authentischen Zeitzeugen weich werden: «Es ist auch wichtig, jungen Menschen ältere Stoffe nahezubringen», sagen sie richtigerweise und präsentieren ab Mitte Dezember Jung und Alt «Die Drei von der Tankstelle» - den Ufa-Klassiker mit Heinz Rühmann - in der Bühnenversion von Franz Schulz und Paul Frank. Bei den Spritpreisen mal die Sicht von einer anderen Warte aus - und im Übrigen auch eine bweährte Tradition des Grenzlandtheaters, das Jahr musikalisch ausklingen zu lassen.

Der markante und allseits beliebte Aachener Schauspieler Karl-Walter Sprungala kommt ab Ende Januar 2011 zum Zuge: In «Ein ganz gewöhnlichr Jude» von Charles Lewinsky spielt er die tragende, weil einzige Rolle: Die des jüdischen Journalisten Emanuel Goldfarb, der von einem Sozialkundelehrer in die Schule eingeladen wird, damit er seinen Pennälern mal einen waschechten Juden vorstellen kann.

Der beginnt daraufhin, quasi für sich selber und vor sich hin zu erzählen - über sein Leben und Erleben in einem Deutschland nach 1945. Ein vielversprechend spannend erscheinendes Stück Theater, auf das man sich wohl ebenso freuen kann wie auf «Noch einmal verliebt» von Joe DiPietro. Drei der vier Darsteller müssen in dieser Inszenierung mindestens 70 Jahre alt sein - sie werden beweisen: Es ist nie zu spät...

Den Ausklang besorgt ein «Spinner» mit einem Streichholztick, der in dem Stück «Dinner für Spinner», der französischen Kultkomöie von Francis Veber ein abendliches Essen derart in die Katastrophe steuert, dass kein Auge trocken bleiben dürfte.

Weniger zum Lachen

Weniger zum Lachen, dafür zum leidenschaftlichen Diskutieren und Problematisieren lädt das Stück ein, mit dem Brandt sein junges Publikum in «Greta», dem «jungen Grenzlandtheater» konfrontiert: In «Rattenklatschen» von Esther Rölz landet so ein appetitliches Nagetier in halbtoter Form zwischen den Sandwichklappen einer Lehrerin - was zwischen ihr und dem Schüler Ben zu einem, sagen wir «angespannten» Gespräch unter vier Augen führt.

Und auch so ein elfjähriger Mensch hat es nicht immer leicht, zumal dann, wenn das Portemonnaie eine gähnende Leere aufweist, Papa auch vor der Pleite steht und in den Läden all die schönen Dinge bereitliegen, die alle Mitschüler bereits haben. Auf welche Gedanken da der Busche Tom kommt, das können Menschen ab zehn ebenfalls als mobile Produktion in Schulen oder Jugendeinrichtungen erleben. «Rattenklatschen» ist ab September 2010, «Toms Pleite» ab Februar 2011 buchbar beid der Theaterpädagogin des Hauses, Monika Reichle (0241/4746117).

Schließlich weist Uwe Brandt darauf hin, dass die Produktionen keineswegs immer ausverkauft sind. Besonders wichtig sind ihm die Karten im freien Verkauf, um das Publikum verstärkt zu mischen. Deshalb werden keine weiteren Abos aufgelegt. Ergo: Die Kartenanfrage unter 0241/4746111 lohnt sich eigentlich immer.

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