Friday, June 10, 2011

USA wird arabische Demokratie verhindern - Noam Chomsky Köln 2011

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Noam Chomsky - photo von Köln 2011

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07.06.2011
Perspektiven einer neuen Weltordnung


KULTUR HEUTE  DeutschlandFunk  www.dlf.de  http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1476852/

Der amerikanische Philosoph Noam Chomsky an der Universität Köln

Von Kersten Knipp

Als Albertus-Magnus-Professor gastierte der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky nun in Köln. In den USA genießt der Wissenschaftler Popstar-Status - nicht zuletzt wegen seiner subversiven Weltbetrachtung. Auch hierzulande füllte er immerhin zwei große Hörsäle.

Kann es sein, dass einige politische und kulturelle Rollen derzeit weltweit neu verteilt werden? Es könnte sein, meint Noam Chomsky, und er ist sich sicher, dass seine Beobachtungen mehr als bloß "wishfull thinking", Tagträume eines linken Intellektuellen sind. Es ändert sich derzeit einiges, ändert er, auch in seinem eigenen Land, den USA. Tea Party, christliche Fundamentalisten, Waffennarren: ein merkwürdiges, ein verquastes Weltbild greife in seiner Heimat um sich. Ein Weltbild allerdings, das irdische konkrete Ursachen habe.

"Es gründet auf großer Wut, auf Hass auf die Institutionen, einschließlich der Regierungen. Diese Wut geht auf erhebliches Leid zurück, hervorgerufen durch 30 Jahre neoliberaler Politik, die nun die üblichen Effekte zeigt. Während ein ganz geringer Prozentsatz der Bürger - weniger als ein Prozent - unermesslich reich wurde, stagnierte für die meisten der Lebensstandard. ... Daraus erwuchs erhebliche Furcht und Wut, Misstrauen, der Eindruck, dass etwas falsch läuft, dass man sein Land verloren hat und es nun zurückbekommen muss."

Verbitterung im Westen, Aufbruchstimmung im Osten - eine verkehrte Welt, jedenfalls aus traditioneller Perspektive. Aber die, meint Chomsky, wird sich umstellen müssen, und zwar schleunigst. Sonst verpasst sie nämlich den Anschluss an die Realitäten. Und damit an die Einsicht, dass die arabische Welt vom Westen zumindest in politischer Hinsicht nicht viel wissen soll. Aus guten Gründen, meint Chomsky. Denn der Westen stehe den arabischen Revolutionen nur bedingt freundlich gegenüber. Eigentlich aber noch nicht einmal das.

"Der Westen ist strikt gegen diese Revolutionen. Die USA, Großbritannien und Frankreich werden alles in ihrer Macht stehende tun, um die Demokratie in dieser Region auszubremsen. Denn wenn die Demokratie sich dort etabliert, werden die westlichen Staaten aus dem Nahen Osten hinausgeworfen. Man braucht bloß die öfentliche Meinung in der arabischen Welt zur Kenntnis zu nehmen. Die meisten Araber fürchten Israel und die USA mehr als den Iran. Das macht den westlichen Staaten große Sorgen. Wenn die öffentliche Meinung die Politik bestimmen würde, würden die USA und ihre Alliierten nicht nur die Kontrolle über die Region verlieren - sie würden aus ihr hinausgeworfen."

Das ist merkwürdig. Denn eigentlich haben die Amerikaner mit Barack Obama doch einen Hoffnungsträger an ihre Spitze gewählt, eine Lichtgestalt des internationalen Dialogs, einen Menschen, der es im Handumdrehen zum Friedensnobelpreisträger brachte. Gut möglich, dass das eine verzerrte Wahrnehmung ist, meint Chomsky. Angesichts der arabischen Revolutionen verhalte Obama sich ausgesprochen zaghaft. Warum?

"Das ist Obama. Er gehört in dieser Hinsicht zu den eher reaktionären Präsidenten. Aber er hat eine nette Rhetorik, und die Leute mögen das. Er sieht freundlich aus, er ist anders als Bush. Bush war sehr arrogant. Und nicht nur Bush, sondern seine ganze Regierung. Jemand wie Colin Powell ging in die Vereinten Nationen und sagte, Ihr Looser seid weit davon entfernt, irgendwie bedeutend zu sein. So etwas hören die Eliten nicht gern. Sie hören lieber, wenn man Ihnen sagt: Wir mögen euch, Ihr seid unsere Partner, aber Ihr seid irrelevant. So ungefähr hält es Obama. Und darum mögen die Eliten Obama, akzeptieren sie ihn."

Aber noch sind die USA die politisch und ökonomisch bedeutendste Macht der Welt. Also müssten sie sich an die Spitze einer fortschrittlichen, will bei Chomsky sagen: linken Politik stellen. Ob sie das aber tun werden. Chomsky ist nicht unbedingt ein Pessimist. Aber ein Optimist in er in dieser Frage auch nicht.

"Wenn die USA sich Veränderungen in den Weg stellt und nichts passiert, aber auch, wenn sie die Führung in einer neuen Politik der Veränderung nicht übernimmt - schließlich sind die USA immer noch der einflussreichste Staat der Welt -, dann werden sich die Dinge weiterhin in die falsche Richtung entwickeln, vielleicht in eine tödliche Richtung."

http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&broadcast=57942&datum=20110607&playtime=1307461315&fileid=329fc3f1&sendung=57942&beitrag=1476852&/


Bayerischer Rundfunk Bayern 2 AUDIO INTERVIEW Radiobeitrag:
Kersten Knipp hat Chomsky getroffen..


WDR 5  RadioBeitrag

Zeitweilig galt er als meistzitierter Mann der Welt. Und wer die Einträge auf Noam Chomskys Publikationsliste zählt, ist geneigt das zu glauben: Über 70 Bücher und mehr als 1000 Artikel hat der 82-Jährige veröffentlicht. Mit seinem Konzept der 'Universalen Grammatik' prägte er die moderne Linguistik maßgeblich. Doch kennen viele Chomsky vor allem auch als streitbaren Intellektuellen und Aushängeschild der Globalisierungs-Kritiker, als "Pop-Ikone des Widerstands".

Als "Weltintellektuellen" bezeichnet ihn Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln, der Chomsky für die Albertus-Magnus-Gastprofessur gewinnen konnte. Am 6. und 7. Juni wird Chomsky zwei öffentliche Vorlesungen halten.

Scala porträtiert den Autor.  http://www.wdr5.de/sendungen/scala/s/d/06.06.2011-12.05.html


Die Video-Mitschnitte der beiden Vorlesungen von Professor Noam Chomsky am 6. und 7. Juni 2011 in der Aula der Universität zu Köln stehen ab Freitag (10. Juni) auf der Homepage der Universität zu Köln (www.uni-koeln.de) und auf der Homepage der Albertus Magnus-Professur (www.amp.uni-koeln.de) zum Download zu Verfügung.

Streitbarer Wissenschaftler - MEDIATHEK - WDR.de

Noam Chomsky gilt als scharfsichtigter linker Kritiker: der Amerikaner war ursprünglich Sprachwissenschaftler und hat sich zum engagierten politischen Publizisten gewandelt. Nun ist er Gast-Professor an der Kölner Universität.

Ein Beitrag von Kersten Knipp, 07.06.2011 WDR 3 Mosaik

http://www.wdr.de/mediathek/media/audio/2011/06/07/20110607_mos_chomsky.mp3



stichworte:  avi mp3 mp4 datei file mitschnitt ton oton transcript aufzeichnung

Albertus-Magnus-Professur 2011 - Noam Chomsky

Vom 6. bis zum 8. Juni 2011 wird der bekannte amerikanische Philosoph Noam Chomsky als Albertus-Magnus-Professor 2011 zwei öffentliche Vorlesungen und ein Seminar an der Universität zu Köln halten.


Vorlesungen

Montag, 6. Juni, 19.30 Uhr, Aula (1 & 2) der Universität (Hauptgebäude):
1. Vorlesung: »Language and Other Cognitive Systems: What is Special about Language?«

 

Dienstag, 7. Juni, 19.30 Uhr, Aula (1 & 2) der Universität (Hauptgebäude):
2. Vorlesung: »The Evolving Global Order: Prospects and Opportunities.«


Seminar (Anmeldung obligatorisch)

Mittwoch, 8. Juni, 13.30 Uhr, Tagungsraum im Seminargebäude (Albertus-Magnus-Platz):
Seminar mit Professor Noam Chomsky
(Teilnahme nur nach vorheriger Anmeldung)


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Universität zu Köln


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Bei den Feierlichkeiten anlässlich des 25. Jubiläums von 'Fairness und Accuracy in Reporting' (FAIR), einer amerikanischen Medien-Watchgroup, analysierte der weltberühmte politische Dissident und Linguist Noam Chomsky in seiner Rede die Reaktionen der USA auf die Aufstände, die im Nahen/Mittleren Osten sowie in Afrika aufgeflammt sind: "Überall (im Mittleren Osten) glaubt die Mehrheit der Bevölkerung, dass die USA ihre  Interessen bedrohen", so Chomsky. "Der Grund ist ganz simpel: Im Grunde wollen die USA und deren Verbündete keine Regierungen, die auf den Willen des Volkes hören, (denn) falls dies geschieht, werden die USA nicht nur die Kontrolle über diese Region verlieren, sondern hinausbefördert werden."

Amy Goodman:

Wenden wir uns der New Yorker Organisation FAIR zu, die sich für eine faire und akurate Medienberichterstattung einsetzt. Sie hat soeben ihren 25. Jahrestag begangen. Seit 25 Jahren erstellt FAIR Berichte, in denen Voreingenommenheit und Zensur in den Medien angeprangert werden sowie gewisse Medienpraktiken, die sich nicht um das öffentliche Interesse, um Minderheiten oder abweichende Meinungen scheren.

 Hunderte hatten sich zu der Feier eingefunden. Einer der Redner war der weltberühmte politische Dissident und Linguist Noam Chomsky. Hier einige Auszüge aus seiner Rede an die Festgäste des FAIR-Jubiläums:

Noam Chomsky:

Die USA und deren Verbündete werden alles tun, um echte Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern. Der Grund ist simpel: Überall in der Region glaubt die Mehrheit der Bevölkerung, dass die USA die größte Bedrohung für ihre Interessen sind. Die Opposition gegen die US-Politik ist so enorm, dass eine beträchtliche Mehrheit sogar der Meinung ist, die Region wäre sicherer, wenn der Iran im Besitz von Atomwaffen wäre. Im wichtigsten Land - Ägypten - glauben dies 80 Prozent. In anderen Ländern lassen sich ähnliche Zahlen finden. Nur Wenige in der Region sehen im Iran eine Bedrohung - rund 10 Prozent. Es ist offensichtlich, dass die USA und deren Verbündete keine Regierungen wollen, die auf den Willen des Volkes hören, denn falls dies geschieht, werden die USA nicht nur die Kontrolle über diese Region verlieren sondern auch hinausbefördert werden. Natürlich wäre ein solches Resultat für sie nicht zu tolerieren.

Zum Thema WikiLeaks: Es gibt einen interessanten Nebenaspekt, was die WikiLeaks-Veröffentlichungen zu diesem Thema angeht. Die Veröffentlichungen durch WikiLeaks, die am meisten Verbreitung fanden - euphorisch kommentiert wurden, Schlagzeilen machten und so weiter - waren jene, in denen stand, arabische Staaten würden die amerikanische Iranpolitik unterstützen. Es ging um angebliche Zitate arabischer Diktatoren. Die arabische Bevölkerung wurde nicht erwähnt; schließlich spielte sie ja keine Rolle. Was ist das Problem - wenn diese Diktatoren uns unterstützen? Solange sie ihre Bevölkerung im Zaum halten? So ist er nun einmal, der Imperialismus. Was ist das Problem - solange es funktioniert? Solange diese Leute ihre Bevölkerungen in Schach halten, ist doch alles okay, oder? Gönnt ihnen ihre Hasskampagnen. Ihre Diktatoren halten sie ja unter Kontrolle, und diese Diktatoren sind uns (den USA) freundlich gesinnt. Das (was ich eben geschildert habe,) war nicht nur die Reaktion des diplomatischen Dienstes im US-Außenministerium - beziehungsweise die der Medien in ihrer Berichterstattung -, auch die intellektuelle Gemeinde hat im Allgemeinen so reagiert. Kommentare finden sich nicht. Im Grunde wird über die oben erwähnten Umfragen in den USA nichts, aber auch gar nichts gebracht - buchstäblich nichts. In England gab es einige Kommentare, aber auch hier hielt es sich sehr, sehr in Grenzen. Es scheint einfach unerheblich zu sein, was die (arabische) Bevölkerung denkt. Hauptsache, sie ist unter Kontrolle.

Anhand dieser Betrachtungen fällt es nicht schwer - ist es ein kleiner Schritt - um zu verstehen, wie die künftige Politik aussehen wird. Man könnte sie praktisch vorhersagen: Ein Land, in dem es reiche Ölvorkommen gibt und in dem ein gehorsamer Diktator herrscht, hat freie Hand. Hier kommt Saudi-Arabien die wichtigste Rolle zu. Saudi-Arabien ist das Zentrum des islamischen Fundamentalismus und in dieser Hinsicht das extremste und repressivste Beispiel. Von Saudi-Arabien schwärmen Missionare aus, die einen ultraradikalen Islamismus verbreiten. Er kommt von Dschihadisten usw.. Andererseits hat Saudi-Arabien eine gehorsame, verlässliche Regierung. Folglich können sie tun, was sie wollen. Auch in Saudi-Arabien war eine Demonstration geplant. Doch die Polizeipräsenz war so massiv und so einschüchternd, dass sich buchstäblich niemand auf die Straße wagte - in Riad. Das ist okay, oder? Nicht anders ist die Situation in Kuwait. Dort kam es zu einer kurzen Demo, die im Handumdrehen unterdrückt wurde. Kein Kommentar.

Der interessanteste Fall, in meinen Augen, ist Bahrain. Aus zwei Gründen ist das Land ein ziemlich interessantes Beispiel. Der erste Grund ist, dass hier der Heimathafen der U. S. Fifth Fleet (Fünfte Flotte der US Navy) liegt. Sie ist ein wichtiger militärischer Faktor in der Region. Der zweite, grundlegendere, Grund ist die Tatsache, dass rund 70 Prozent der Bevölkerung des Inselstaates Schiiten sind. Bahrain liegt Saudi-Arabien (Ost-Saudi-Arabien) direkt gegenüber. Auch dort leben Schiiten. Die größten Ölvorkommen Saudi-Arabiens liegen im Osten des Landes. Saudi-Arabien ist natürlich der größte Ölproduzent - seit den 40ger Jahren. Es ist eine seltsame Laune der Natur beziehungsweise der Geschichte, dass die meisten Energievorkommen in Regionen mit schiitischer Bevölkerung liegen. Die Schiiten sind im Mittleren Osten eine Minderheit. Allerdings leben sie zufällig dort, wo das Öl ist, nämlich rund um den nördlichen Golf: im Osten Saudi-Arabiens, im Süden des Irak und im Südwesten des Iran. Sein langem sorgen sich die Planer (Strategen), dass sich die Schiitenregionen zu einer stillschweigenden Allianz verbinden könnten -  für eine Entwicklung in Richtung Unabhängigkeit und Kontrolle über die größten Ölreservern der Erde. Natürlich wäre dies nicht zu tolerieren.

Kommen wir zurück zu Bahrain, wo es zu einem Aufstand gekommen ist. Auf dem zentralen Platz (dem Kairoer Tahir-Platz vergleichbar) wurde eine Zeltstadt errichtet. Doch dann marschierten Truppen - unter saudischer Führung - in Bahrain ein. Die Sicherheitskräfte des Inselreiches bekamen auf diese Weise die Chance, die Sache gewaltsam niederzuschlagen. Sie zerstörten die Zeltstadt. Sie zerstörten sogar die 'Perle', das Wahrzeichen Bahrains. Sie stürmten das größte Krankenhaus, zerrten Patienten und Ärzte hinaus. Regelmäßig, Tag für Tag, werden Menschenrechtsaktivisten verhaftet und gefoltert. In manchen Fällen bekommen sie Schläge auf die Handgelenke - was soll's, oder? In dieser Hinsicht gelten in erster Linie die 'Carothers-Prinzipien': Wenn eine Handlungsweise unseren ökonomischen und strategischen Zielen nützt, ist sie okay. Man könnte es eleganter umschreiben, doch was zählt, sind Fakten.

Soviel zu den gehorsamen Diktatoren in Staaten mit großen Ölvorkommen. Doch was ist mit Ägypten? Ägypten ist ein wichtiges Land. Andererseits ist es kein Zentrum der Ölförderung. Für Ägypten, Tunesien und andere Staaten dieser Kategorie gelten bestimmte Spielregeln, die regelmäßig angewendet werden - so regelmäßig, dass man schon fast ein Genie sein müsste, um sie NICHT zu sehen. Was die Lieblingsdiktatoren angeht: Falls Sie vorhaben, in den diplomatischen Dienst zu gehen, nehmen Sie sich folgende Lektion zu Herzen: Wenn ein Lieblingsdiktator (der USA) in Schwierigkeiten gerät, gilt es, ihn zu unterstützen, solange es möglich ist - mit aller Kraft, solange es möglich ist. Ist es nicht mehr möglich, ihn zu unterstützen, weil sich zum Beispiel die Armee oder die Geschäftswelt gegen ihn gewendet hat, schicken Sie ihn in die Wüste. Das ist der Zeitpunkt für vollmundige Erklärungen. Sagen Sie, wie sehr Sie die Demokratie lieben. Gleichzeitig sollten sie versuchen, das alte Regime wiederherzustellen - vielleicht mit anderen, neuen, Namen. So lief und läuft es ständig. Natürlich gibt es keine Erfolgsgarantie, aber sie versuchen es immer wieder - siehe Somoza in Nicaragua, siehe der Schah im Iran, siehe Marcos auf den Philippinen, siehe Duvalier auf Haiti, siehe Chun in Südkorea, siehe Mobutu im Kongo, siehe Ceausescu in Rumänien (ein früherer Liebling des Westens) oder Suharto in Indonesien. Es ist absolute Routine. Genau dasselbe spielt sich nun in Ägypten und Tunesien ab. Wir haben Mubarak bis zum Schluss unterstützt - bis zu allerletzt. Als es nicht mehr ging, schickten wir ihn nach Sharm el-Sheikh. Wir verlegen uns auf Rhetorik, während wir gleichzeitig versuchen, das alte Regime wiederherzustellen. Darum geht es, darum dreht sich der aktuelle Konflikt. Wie Amy (Goodman) schon gesagt hat: Wir wissen nicht, in welche Richtung das Pendel letztendlich ausschlagen wird, aber dies ist der augenblickliche Stand der Dinge.

Es gibt noch eine weitere Kategorie. Stellen Sie sich den Diktator eines Landes mit reichen Ölvorkommen vor, der nicht mehr zurechnungsfähig ist, ein unberechenbarer Hassardeur. Gemeint ist Libyen. In diesem Falle kommt eine andere Politik zur Anwendung: Versuche, einen verlässlicheren Diktator zu finden. Genau das geschieht derzeit. Natürlich wird es als 'humanitäre Intervention' verbrämt. Auch das ist - historisch gesehen - fast schon eine Allzweckwaffe. Werfen Sie einen Blick auf die Geschichte. Fast immer, wenn Gewalt ins Spiel kam - gleichgültig durch wen -, war dies von sehr hehrer Rhetorik begleitet: Es ging natürlich einzig und allein um das Humanitäre, als Hitler in der Tschechei einmarschierte, als das faschistische Japan in den Nordosten Chinas einfiel, als Mussolini in Äthopien einfiel. (historische Ausnahmen sind dünn gesät). Man fabriziert sie (diese Rechtfertigungen), und die Medien beziehungsweise Kommentatoren verbreiten es und tun so, als ob sie nicht wüssten, dass diese Rhetorik keinerlei Informationsgehalt hat und rein reflexiv ist.

In Fällen wie diesen kann noch eine weitere Zutat hinzukommen - auch dies wurde und wird immer wieder praktiziert, vor allem von den USA und deren Verbündeten: Gemeint ist die Intervention als Reaktion auf eine Bitte, zum Beispiel der Arabischen Liga. Natürlich müssen wir uns über die Bedeutung im Klaren sein. Die Bitte der Arabischen Liga (im Falle Libyens) war sehr verhalten, und wurde rasch zurückgezogen, weil der Arabischen Liga nicht gefiel, was wir unternahmen. Davon abgesehen, hatte die Arabische Liga noch eine zweite Bitte. Eine Zeitung brachte folgende Schlagzeile: 'Arab League Calls for Gaza No-Fly Zone' (Die Arabische Liga fordert Flugverbotszone für Gaza'). Dieses Zitat habe ich der britischen 'Financial Times' entnommen. In den USA wurde darüber nicht berichtet. (Nun, um korrekt zu sein, die 'Washington Times' berichtete darüber.) Im Grunde wurde sie (die Information) in den USA abgeblockt -  so wie die Ergebnisse der Meinungsumfragen in der arabischen Öffentlichkeit (siehe oben). Nachrichten dieser Art wollen wir nicht. 'Die Arabische Liga fordert Flugverbotszone für Gaza' - so eine Nachricht passt nicht zur US-Politik. Wir müssen ihr keine Beachtung schenken und ihr nicht gerecht werden. Sie verschwindet enfach.

Über andere Meinungsumfragen wird durchaus berichtet. Erst vor wenigen Tagen berichtete die 'New York Times' über eine solche. Ich zitiere: "Die Meinungsumfrage hat ergeben, dass eine Mehrheit der Ägypter den Friedensvertrag mit Israel, von 1979, annullieren wollen, (und) dies ist ein Eckstein der ägyptischen Außenpolitik und der Stabilität in der Region."* Nein, das ist nicht ganz korrekt. Im Grunde ist (dieser Friedensvertrag) ein Eckstein der Instabilität in der Region. Das ist auch der Grund, weshalb die ägyptische Bevölkerung ihn abschaffen will. Im Grunde ging es bei diesem Abkommen darum, Ägypten aus dem israelisch-arabischen Konflikt herauszuhalten: Der einzige potentielle Abschreckungsfaktor für Israels Militäraktionen wurde aus dem Spiel genommen. Dadurch bekam Israel freie Hand, um seine Operationen - illegale Operationen - in den Besetzten Gebieten auszuweiten und das nördliche Nachbarland Libanon anzugreifen. Kurze Zeit nach Abschluss des Friedensvertrages griff Israel den Libanon an und tötete 20 000 Menschen. Israel zerstörte den Südlibanon und versuchte dort ein Klientenregime zu installieren. Das hat nicht ganz geklappt. Man zeigte Verständnis. Die unmittelbare Reaktion in Israel auf das Friedensabkommen mit Ägypten war folgende: Es enthält Punkte, die uns nicht behagen - zum Beispiel, dass wir unsere Siedlungen auf dem Sinai aufgeben müssen, auf dem ägyptischen Sinai, wohlgemerkt -, aber er hat auch sein Gutes, weil wir den einzigen Abschreckungsfaktor losgeworden sind; von nun an können wir gewaltsam und brutal vorgehen, um unsere übrigen Ziele zu verwirklichen. Genauso ist es gekommen. Das ist exakt der Grund, weshalb die ägyptische Bevölkerung gegen ihn (den Friedensvetrag mit Israel) ist. Sie haben es begriffen - wie alle anderen in der Region auch.

Andererseits hat die 'New York Times' nicht gelogen, als sie schrieb, der Vertrag habe zur Stabilität in der Region geführt. Der entscheidende Punkt ist die Frage: Wie interpretiert man 'Stabilität'? Welche funktionale Bedeutung hat das Wort? Mit dem Begriff 'Stabilität' verhält es sich ähnlich wie mit dem Begriff Demokratie'. 'Stabilität' bedeutet, dass eine Sache im Sinne unserer Interessen läuft. Wenn der Iran versucht, seinen Einfluss in Afghanistan und anderen Nachbarstaaten auszudehnen, heißt es, er destabilisiere die Region. Wenn die USA in diese Länder einmarschieren und sie besetzen, sie halb zerstören, so dient dies der Stabilität. Diese Sichtweise hat sich eingebürgert - so sehr, dass der ehemalige Redakteur von 'Foreign Affairs' über den Sturz der chilenischen Regierung durch die USA und die Einsetzung einer üblen Diktatur schreiben konnte, dies sei geschehen, weil die USA Chile destabilisieren mussten, um Stabilität zu erreichen. Er brauchte nur einen Satz, um dies alles unterzubringen. Dennoch fiel es niemandem auf. Im Grunde ist es korrekt - vorausgesetzt, man versteht die Bedeutung des Wortes 'Stabilität' richtig. Yeah, stürze eine parlamentarische Regierung, installiere eine Diktatur, marschiere in ein Land ein, töte 20 000 Menschen, marschiere in den Irak ein und töte Tausende - und das alles zum Nutzen und Frommen der Stabilität. Instabilität bedeutet: Jemand kommt uns in die Quere.


Ägypten, Tunesien, der Nahe und Mittlere Osten, Indien, die Klassenfrage...

Ein Interview mit Kindle India

von Noam Chomsky  29.03.2011

Pattanayak:
Prof. Chomsky, wie sehen Sie die Konturen der aktuellen Krisen in Tunesien, Ägypten und im übrigen Nahen und Mittleren Osten?

Noam Chomsky:
Der Ursprung der Krisen in der arabischen Welt reicht wirklich sehr weit zurück. Sie erinnern uns an jene Prozesse, als die Welt noch kolonialisiert war. In den 50ger Jahren drückten es US-Präsident Eisenhower und sein Stab ziemlich deutlich aus. Bei einer internen Diskussion (die heute nicht mehr der Geheimhaltung unterliegt) fragte Eisenhower sein Team, warum in der arabischen Welt eine "Hasskampagne", so Eisenhower, gegen uns laufe - eine Kampagne, die nicht von den Regierungen dieser Region ausgehe, denn diese seien mehr oder weniger harmlos, sondern von einem Teil der dortigen Bevölkerung. Hierauf verfasste das wichtigste Planungsgremium der USA, der 'Nationale Sicherheitsrat' (NSC) ein Memorandum - mit dem Ergebnis: Amerika werde in der arabischen Welt tatsächlich als eine Kraft gesehen, die harte, üble Diktatoren fördere und Entwicklungen sowie die Demokratie hemme, um Kontrolle über Ressourcen zu erlangen - in diesem Falle über Energieressourcen. Weiter heißt es (in dem Memorandum), dass diese Sichtweise zum größten Teil korrekt sei, und dass wir ruhig so weitermachen sollten.

Doch dieses grundlegende Prinzip gilt nicht allein für die arabische Welt. Marwan Muasher hat es vor kurzem, während der spektakulären Rebellion in Ägypten, auf den Punkt gebracht. Muasher - ein ehemaliger hoher jordanischer Offizieller - leitet heute die Forschungen der Carnegie-Stiftung zum Thema 'Mittlerer Osten'. Er sprach von folgender allgemeingültiger Doktrin: Solange die Menschen sich ruhig und passiv verhalten und unter Kontrolle sind, gibt es kein Problem, und wir können machen, was wir wollen. Vielleicht hassen sie uns, doch was spielt das für eine Rolle? Wir können trotzdem machen, was wir wollen. Dieses Prinzip gilt nicht nur für die arabische Welt und für Indien. Es trifft auch auf die USA zu. Es ist ein Standardprinzip der Dominanz. Natürlich kommt es bisweilen vor, dass Menschen ihre Ketten sprengen. In solchen Fällen müssen Eingeständnisse gemacht werden. Was aktuell in Ägypten geschiet, ist zwar dramatisch aber nicht atypisch. Immer wieder kommt es vor, dass sich die USA und andere Imperialmächte gezwungen sehen, ihre Lieblingsdiktatoren fallenzulassen, weil diese nicht länger zu halten sind. Es gibt feste Spielregeln, die auch im Falle Ägyptens befolgt wurden. Unterstütze den Diktator solange es geht - gemäß der Muasher-Doktrin, das heißt, solange Ruhe im Land herrscht und somit keine Probleme bestehen. Sollte der Diktator nicht mehr zu retten ist, schiebe ihn beiseite und gib eine Stellungnahme ab, in der viel von unserer Liebe zur Demokratie und von Feiheitsliebe die Rede ist - ganz im Stile Reagans. Versuche währenddessen, möglichst viel vom alten System zu retten. Genau dieses Szenario erleben wir heute in Ägypten. Wie gesagt, es passiert immer wieder.

Pattanayak:
Glauben Sie, dass es in Indien zu einem ähnlichen Aufstand kommen wird? Oder anders gefragt, was hält Indien noch zurück?

Noam Chomsky:
Sehen wir uns Indien an. Zum einen findet dort bereits eine große Rebellion statt. Weite Teile des Landes stehen in Flammen. Die Stammesgebiete befinden sich praktisch im Aufruhr. Ein großer Teil der Indischen Armee ist damit beschäftigt, sie niederzuhalten.

Pattanayak:
Sie sehen also eine Parallele zwischen den beiden Aufständen?

Noam Chomsky:
Hm. Ich glaube, die eigentliche Frage in Bezug auf Indien lautet... Es gibt dieses berühmte farbenprächtige Bild Indiens. Für einen Teil der Bevölkerung trifft dies sicher zu - schließlich ist Indien ein sehr großes Land. Für eine signifikante Zahl trifft es also zu. Doch rund Dreiviertel der Bevölkerung sind, so denke ich, ausgeschlossen - das ist die Kehrseite. Die Zahl der Milliardäre in Indien steigt fast so schnell wie die Zahl der Kleinbauern-Selbstmorde. Die Analogie (zwischen Ägypten und den indischen Stammesgebieten) liegt meiner Ansicht nach nicht so sehr in den Geschehnissen sondern in dem massiven Leid, das mehrere hundert Millionen Menschen (hier wie dort) erfahren.

Pattanayak:
Absolut. Es gibt eine große Kluft zwischen den Klassen.

Noam Chomsky:
In Indien ist diese Kluft dramatisch. Das Elend in Südasien...

Pattanayak:
Und diese Kluft wächst heute ...

Noam Chomsky:
Sie wächst. Global gesehen ist sie die schlimmste - schon seit langem. Sehen Sie sich den 'Human Development Index' der UNO an... Das letzte Mal, als ich einen Blick darauf warf, lag Indien ungefähr auf Platz 120. Das war vor 20 Jahren, zu Beginn der so genannten "Reformen".

Pattanayak:
Seit dieser Zeit ging es qualitativ weiter bergab.

Noam Chomsky:
Nun, die Frage ist doch: Wie lange werden sich die Massen noch passiv und apathisch verhalten, so dass man auf ihre Probleme keine Rücksicht zu nehmen braucht?

Pattanayak:
Prof. Chomsky, Arundhati Roy bekam wegen 'Volksverhetzung' Ärger, weil sie gesagt hat, die Bevölkerung von Kaschmir habe ein Recht auf Selbstbestimmung. Wie stehen Sie zu der Frage der Selbstbestimmung, vor allem hinsichtlich Kaschmir?

Noam Chomsky:
Zunächst möchte ich sagen, dass Indien Arundhati Roy ehren sollte. Sie sollte geehrt werden, weil sie ein Symbol dafür ist, wie groß Indien sein könnte. Die Tatsache, dass sie wegen 'Volksverhetzung' belangt wird, ist schlicht empörend. Dieser organisierte Hass, dieser organisierte Zorn gegen sie - das ist wirklich eine Schande. Arundhati Roy ist eine großartige Person.

Was Kaschmir betrifft, so gehen die Probleme auf die Zeit der Teilung zurück. Alle Seiten tragen Mitverantwortung - und nicht zu knapp. Natürlich hat Indien das Referendum verweigert, das eine Vorbedingung für die Teilung gewesen wäre. (Indien) hat sich das Gebiet im Grunde genommen. In dem (darauffolgenden) Konflikt entstand dann die Grenze (Line of Control). Es gab damals sehr viel Gewalt und Unterdrückung. Ende der 80ger Jahre fanden Wahlen statt, die durch und durch manipuliert waren. Daraufhin kam es zu einem Aufstand, der äußerst brutal niedergeschlagen wurde. In dem von Indieh kontrollierten Teil Kaschmirs wurden Zehntausende getötet. Es kam zu Folterungen und anderen Greueln. Das war eine ziemlich üble Sache. In ihrem aktuellen Artikel schreibt Roy, Kaschmir sei die militarisierteste Region der Welt. Seit damals hat es mehrere Versuche gegeben, kontrollierte Wahlen durchzuführen, da Indien seine Kontrolle über die Region festigen will. Eigentlich braucht man nur genau hinzusehen, um zu erkennen, dass der Ruf nach Autonomie und Selbstbestimmung (in der ein oder anderen Form; es gibt viele Möglichkeiten) sehr dringlich ist. Allerdings stellt sich die Frage nach der Umsetzung. Die Umsetzung ist durchaus kein kleines Problem. Doch man könnte nach vernünftigen Lösungen für die verschiedenen Regionen Kaschmirs suchen. Unterschiedliche Regionen haben natürlich unterschiedliche Interessen und Zielsetzungen.

Pattanayak:
Was halten Sie von der maoistischen Bewegung Indiens? Steht sie für den Kampf einer indigenen Bevölkerung für Selbstbestimmung oder halten Sie die Sache für einen revolutionären, kommunistischen Kampf um Kontrolle, um die politisch-ökonomische Macht?

Noam Chomsky:
Nun, zunächst möchte ich den Eindruck vermeiden, dass ich eine Menge über dieses Thema weiß - tue ich nicht. Doch soweit ich informiert bin, ist beides richtig. Es gibt die so genannten "maoistische Revolutionäre". Sie bezeichnen sich als Maoisten - was immer das heißen mag. Es gibt aber auch eine Basis im Volk. Die Regionen, um die es sich handelt, ist im Grunde Stammesgebiet. Hier leben die Menschen, die in Indien am meisten unter der Repression zu leiden haben. Sie haben ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Gesellschaftsformen, funktionierende Gesellschaften -  in den Wäldern, in ihren Stammesgebieten. Im Grunde versucht die Regierung, in diese Regionen einzudringen, um ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen, die Basis für ihre Gesellschaftsform, indem sie ihre Ressourcen wegnimmt, durch Bergbau und so weiter. Doch die Menschen setzen sich zur Wehr. Sie wollen ihre Lebensgrundlage retten. Solche Dinge sehen wir überall auf der Welt.

Im vergangenen Sommer war ich in Südkolumbien und besuchte dort gefährdete Dörfer - Gemeinschaften, die unter großem Druck stehen. Kolumbien ist weltweit das Land mit den meisten intern Vertriebenen - gleich nach dem Sudan. Der Grund für die Vertreibungen sind Angriffe auf indigene Regionen - meistens. Die dortigen Dorfbewohner/innen verhalten sich  ähnlich (wie die Indigenen Indiens): Sie versuchen, Möglichkeiten zu finden, um... Ein Dorf, das ich einmal besucht habe, versuchte zum Beispiel, einen nahegelegenen Berg und ein Stück unberührten Regenwald vor dem Bergbau zu retten, weil sonst die Gemeinschaft und damit ihr Leben zerstört worden wäre. Außerdem hat man versucht, ihnen ihre Wasserquellen zu nehmen. Sie sind arm, aber ihre Lebensweise funktioniert. Sie möchten weiter so leben, wie sie leben, und das aus gutem Grund. Man findet dieses Phänomen überall auf der Welt. Im nordamerikanischen Appalachen-Gebirge werden die Berggipfel für eine äußerst billige Variante der Kohleförderung missbraucht. Dabei kommen Täler, Flüsse, Ökosysteme und ganze Gemeinden unter die Räder. Doch die Menschen leisten Widerstand. Ich denke, dass solche Dinge auch in den Stammesgebieten (Indiens) geschehen. Die fieberhaften Suche nach Ressourcen - ohne Rücksicht auf die Folgen für Mensch und Umwelt -, ist ein wesentlicher Teil des globalen Phänomens.

Pattanayak:
Ja. In gewisser Weise ist es die Fortsetzung der Geschichte der indigenen Völker Indiens. Seit den 60ger Jahren gibt es jedoch organisierte revolutionäre Bewegungen unter den Unterdrückten (dieser Regionen)...

Noam Chomsky:
Oh, yeah, angefangen bei den Naxiliten-Bewegungen. Das war natürlich eine sehr wichtige Sache. In einigen Regionen - wie Westbengalen - spielten sie eine wichtige Rolle für die Landreformen, für die Entstehung bäuerlicher Dorfgemeinschaften und so weiter. Wie gesagt, ich maße mir nicht an, sehr viel darüber zu wissen. Allerdings habe ich damals einige (dieser Dörfer), zusammen mit einem Freund, besucht. Er ist Agroökonom - und außerdem Finanzminister seines Landes. Ich bin ihm zufällig begegnet, als er in den USA studiert hat. Wir besuchten gemeinsam ein 'Panchayat' in Westbengalen und erlebten dort viele beeindruckende Dinge. Das sind die Früchte der Naxaliten-Revolution... Aber es gab auch negative Früchte, wie Brutalität und andere üble Dinge.

Pattanayak:
Unsere Nationalstaaten wirken immer mehr wie Großkonzerne. Wird dieser Trend anhalten, was meinen Sie oder wird die Globalisierung auf Dauer den nötigen Gegenwind erfahren, wird sie im Laufe der Geschichte dahinschmelzen?

Noam Chomsky:
Ich glaube, dass sich derzeit überall auf der Welt eine Menge komplizierte Prozesse abspielen - allerdings nicht in allen Nationalstaaten. Am deutlichsten zeigt sich das am Beispiel Lateinamerika, wo in den vergangenen 10 Jahren entscheidende Schritte in Richtung Integration und Unabhängigkeit eingeleitet wurden sowie maßgebliche Schritte zur Einbindung der Massen in die politischen Prozesse. Lateinamerika hat gegen ernste interne Probleme zu kämpfen. Doch kein Vergleich zu Indien - zu dieser Insel des Reichtums inmitten enormer Armut und enormem Elend. Indien entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung. Die reichen, hochentwickelten Staaten - einige von ihnen liegen im asiatischen Raum -, gehen ihren eigenen Weg. Nehmen wir die USA, England und den überwiegenden Teil Europas. Was Sie beschrieben haben ("unsere Nationalstaaten wirken immer mehr wie Großkonzerne"), kann man durchaus sagen, wenn auch mit Einschränkungen. Das heißt, was wir in weiten Teilen der Welt sehen, einschließlich China und Indien, ist eine globale Machtverschiebung. Die arbeitende Bevölkerung wird ent-machtet; die Macht gleitet in die Hände der Manager, der Investoren, der Eigner, der hochbezahlten Profis, der elitären Elemente usw. über. Überall herrscht eine enorme Kluft zwischen den Klassen.

Pattanayak:
Absolut.

Noam Chomsky:
Nehmen wir zum Beispiel die USA. Die Ungleichheit in den Vereinigten Staaten war noch nie so groß, seit den 20ger Jahren. Wenn man genau hinschaut, war sie noch NIE so groß. Dies ist das Ergenis eines enormen Fischzuges einer hauchdünnen Schicht der Bevölkerung. Sie besteht aus Managern, Hedgefonds-Verwaltern, Eignern und so weiter - aus rund einem Prozent der Bevölkerung. Die Konzentration wirtschaftlicher Macht (durch das Konzernsystem und zunehmend auch durch das Finanzsystem) verläuft Hand in Hand mit der Konzentration politischer Macht. Diese Mahtkonzentration im ökonomischen Bereich schlägt sich massiv auf die globalen Prozesse nieder. Die Politik von Staat/Konzernen hat in den vergangenen Jahrzehnten auf viele Bereiche Einfluss genommen - von der Fiskalpolitik (Festlegung der Steuern) bis zum Entwurf interner Regeln für Konzerne, die von der Regierung mitgestaltet werden und so weiter. Dies alles dient dem Zweck, scharfe, repressive Klassenunterschiede zu schaffen. Das ist die Realität, und diese Realität hat eine Menge mit der Wut und der Unzufriedenheit der Menschen zu tun. Natürlich sprechen wir nicht von Zuständen wie in der so genannten 'Dritten Welt', aber die Einkommen der Menschen in den reichen Ländern stagnieren seit 30 Jahren - während der Reichtum enorm angeschwollen ist. Die Menschen leben nicht im Elend, aber ihr Leben ist schwierig geworden. Das Thema Arbeitslosigkeit betrifft weite Teile der Bevölkerung. Die Arbeitslosenrate (in den USA) liegt auf dem Niveau der Depressionsjahre - und Besserung ist nirgends in Sicht. Die Situation in den USA ist mittlerweile extrem. In England und in verschiedenen anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus - oder in China. Auch dort gibt es heute diese enorme Kluft. China ist, global gesehen, eines der extremsten Beispiele, und Indien ist ohnehin eine Klasse für sich...

Pattanayak:
Ist den meisten Menschen eigentlich bewusst, dass sie in einer Klassengesellschaft leben oder verdrängen sie es lieber?

Noam Chomsky:
Die Geschäftsleute in den USA - die 'business class' - besitzt eine Menge Klassenbewusstsein. Im Grunde sind es Marxisten. Wenn du ökonomische Fachliteratur wälzt, hast du das Gefühl, du liest in dem kleinen roten Buch. Die schreiben von der Gefahr der organisierten Massen, von der Gefahr, die von diesen Massen für die Industriellen ausgehe und so weiter. Sie stellen sich dem erbitterten Klassenkampf. Die letzten Jahre waren dramatisch. Was den Rest der amerikanischen Bevölkerung angeht, so ist die Sachen nicht so eindeutig. In den USA wird das Wort 'Klasse' extrem tabuisiert. Die USA sind eines der wenigen Länder, in denen...

Pattanayak:
Das Wort 'Klasse' ein Tabu?

Noam Chomsky:
Ja, es wird tabuisiert. Alle denken, sie gehören zur Mittelschicht. Eine Freundin von mir lehrt Geschichte an einem staatlichen College. Am ersten Tag, wenn ein neues Semester beginnt, fragt sie ihre Studierenden manchmal, zu welcher Klasse sie sich zählen. Im Grunde bekommt sie folgende Antworten: Mein Vater sitzt im Gefängnis, also zähle ich zur Unterschicht; mein Vater ist Hausmeister, also zähle ich zur Mittelschicht, und weil mein Vater mit Aktien handelt, zähle ich zur Oberschicht. Die traditionelle Vorstellung von Klassenzugehörigkeit wurde den Leuten ausgetrieben. Doch ganz gleich, ob sie nun einen Terminus dafür haben oder nicht, sie wissen, worum es geht. Die Leute wissen sehr wohl, ob sie der Boss sind oder ein Befehlsempfänger. Sie wissen, ob sie bei Entscheidungsprozessen eine Rolle spielen oder nicht. DAS ist es, was den Klassenunterschied ausmacht.

Pattanayak:
Welche Botschaft haben Sie für unsere Leserinnen und Leser?

Noam Chomsky:
Meine Botschaft - die Botschaft - lautet: Nehmt das, was ich beschrieben habe, nicht zu schwer, sondern denkt daran, was in Ägypten geschehen ist, auf dem 'Platz der Befreiung'. Dort wurde Volksaktivismus demonstriert, Mut und Entschlossenheit. Es war eines der spektakulärsten Beispiele, an das ich mich erinnern kann. Diese Menschen sind keinen Anführern hinterhergelaufen. Am darmatischsten finde ich das hohe Maß an Selbstbestimmung: Die Menschen haben Selbstverteidigungsgruppen gegründet, um sich gegenseitig vor den Schlägern der Regierung zu schützen. Sie bilden Gruppen, um eine neue Politik zu entwerfen und um mit anderen in Kontakt zu treten. Ja, so muss es laufen, damit ein Ergebnis erzielt wird. Wissen Sie, manchmal, wenn sich eine Volksbewegung entwickelt, kristallisieren sich Führer heraus. Das ist meist eine ungute Sache. Niemand sollte sich auf andere verlassen - auf deren Ratschläge und Anweisungen. Im Grunde kann jede(r) die Antworten alleine finden - denn die entscheidenden Antworten kommen von den Menschen selbst.


Der TAGESSPIEGEL eine Heuschrecken-Zeitung und Eliten-propaganda Klassenkampfinstrument schreibt diesen Artikel

Noam Chomsky Amerikas zorniger Guru

Noam Chomsky. Quelle: Foto: dpa
Noam Chomsky.

Noam Chomsky ist als Sprachwissenschaftler berühmt geworden und als harscher Kritiker der US-Außenpolitik. Beim Vortrag des 82-jährigen Globalisierungskritikers in Köln passten 1000 in den Saal, aber 2000 wollten ihn hören.

Eine Stunde vor Einlass ist auf den Treppen im Hauptgebäude der Kölner Universität kein Durchkommen mehr. Die Menschen stehen Schlange über zwei Stockwerke bis ins Foyer, wo eine Leuchttafel den Stargast des Abends verkündet: „Willkommen, Noam Chomsky". Provokateur, Intellektueller, Ultralinker, Außenseiter – eine Legende. Türsteher sichern die Eingänge. 1000 Zuhörer passen in den Saal, über 2000 sind gekommen. Den Abgewiesenen bleibt ein Livestream im Internet.

Noam Chomsky ist als Sprachwissenschaftler berühmt geworden und als harscher Kritiker der US-Außenpolitik. Jubel empfängt den 82-Jährigen, als er die Aula betritt. Er nickt kurz, fängt sofort an.

Kein Grußwort, kein Dank für die AlbertusMagnus-Professur, die ihm die Uni verliehen hat. Chomsky hat keine Zeit zu verlieren; eineinhalb Stunden lang dauert seine Abrechnung mit der Globalisierung und der Vormachtstellung der USA – eine wütende Anklage, die er frei vorträgt, ohne auch nur einmal die Stimme zu heben.

Chomsky, der Guru, ist unbequem, auch für seine Jünger. Er spricht leise, betont kaum, die Aneinanderreihung von langen Sätzen verlangt höchste Konzentration. So webt er seine Angriffe scheinbar nebensächlich ein, trägt sie höflich vor, man überhört sie beinahe. „Obama, übrigens einer der reaktionärsten Präsidenten überhaupt, lächelt immer so freundlich", sagt er und lächelt. „Er sagt den anderen Regierungen nicht, dass sie irrelevant sind. Deshalb mögen sie ihn." Messerscharfe Attacken, 90 Minuten lang.

Chomsky skizziert ein Endzeitszenario: Der aktuelle „amerikanische Niedergang" sei eine Konsequenz der US-Politik. Die rücksichtslose Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen habe zunehmende soziale Ungleichheit zur Folge und immer mehr Hass im Ausland. Zudem führe die Weigerung der USA, den Klimawandel anzuerkennen, zu einem Risiko, das auch die Steuerzahler nicht auffangen könnten: dem Ende der menschlichen Spezies.

Immer wieder gibt es Zwischenapplaus. Wie umstritten der Theoretiker ist, wie stark seine Thesen polarisieren, bleibt ausgeblendet. Dabei erwarb sich Chomsky seine Glaubwürdigkeit gerade dadurch, dass er seinen Zorn seit einem halben Jahrhundert unbeirrt zum Ausdruck bringt, unabhängig vom Zeitgeist. Politisch aktiv wurde der 1928 in Philadelphia geborene Wissenschaftler, der schon mit 32 als Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrte, während des Vietnamkriegs. Seitdem kritisierte er sämtliche militärischen Einsätze der USA und gab George W. Bushs Politik nach 9/11 eine Mitschuld daran, dass „sie uns hassen". Als 2001 viele an ein schnelles Ende des Kriegs gegen den Terror glaubten, fragte Chomsky: „Wie hoch wird der Preis sein für den Sieg über bin Laden und die Taliban?"

Selbstverteidigung, Stabilisierung oder humanitäre Rettungsaktion – Chomsky erkennt solche Beweggründe für Militäreinsätze nicht an. In Köln verurteilt er auch die Libyen-Intervention. „Die Erörterung individueller Absichten ist zwecklos, weil die eigentlichen Triebkräfte in den ökonomischen Interessen von Institutionen der Führungsschichten liegen", so beschrieb die US-Autorin Larissa MacFarquhar Chomskys Weltbild im „New Yorker". Für ihren Essay „Des Teufels Buchhalter" hatte sie den MIT-Professor monatelang begleitet. Chomsky rechnet Tote gegeneinander auf, vergleicht scheinbar Unvergleichbares. Damit provoziert er nach wie vor. Er fragt in Köln, warum der Iran keine Atomindustrie haben dürfe, aber Israel und das repressive Regime in Saudi-Arabien sehr wohl. Weil Letztere sich an die Regeln der Amerikaner hielten?

Neben der Provokation und der Aufforderung zum Auflehnen skizziert Chomsky in Köln kaum Alternativen.„Utopia interessiert ihn nicht", stellte MacFarquhar fest. Der Zorn sei seine einzige Antriebsfeder. Und so bleibt es bei Appellen. Wer die Entwicklung nicht stoppt, warnt Chomsky, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Ruinen dieser Welt zu betrachten.







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2 Comments:

Anonymous Leyla said...

Gibt es einen kompletten Videomittschnitt der Chomsky Lesung in der Universität zu Köln? - Wie kann ich ein Exemplar erhalten, wenn es eins gibt?
leyla(at)erkus.de

Leyla

June 13, 2011 at 11:10 AM  
Anonymous Anonymous said...


noch nicht. Die erste Lecture (Linguistik) ist online bei Youtube

LINK

dort wird auch die zweite erscheinen..

Hier ist einer ueber Israel
LINK

Der Talk hier ist auch richtig gut LINK


Bitte hinterlasse nochmal einen KOmmentar und sag uns wie die LINKS dir gefallen habe, und was du denkst. Warst du bei der Vorlesung in Köln?

June 13, 2011 at 11:43 AM  

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